Mit Flüchtlingen in Regelklassen arbeiten (4): Einen individuellen Förderplan erstellen

In meinen letzten Beiträgen (Integration über die Alltagssprache, Wertschätzung der Herkunftssprache und Möglichkeiten der Integration) habe ich dir schon einen Einblick in meinen Unterrichtsalltag mit Ayla gegeben. Doch ohne eine grundlegende Förderung lernt sie die deutsche Sprache nicht. Und das Beherrschen unserer Sprache ist ein wichtiger Schritt zur Integration. Doch wie fange ich eine gezielte Förderung im DaZ-Bereich überhaupt an? Wie sollte ich für Ayla ein Startkonzept für eine gezielte Förderung entwickeln?

Eignung von DaZ-Materialien

Zunächst dachte ich: Du hast eine Fülle von DaZ-Materialien zur Verfügung. Prima, aber nur auf den ersten Blick. Denn auch wenn viele Materialien inhaltlich gut aufbereitet sind, bedeutet es nicht, dass Kind XY damit auch gut arbeiten kann. Um beurteilen zu können, mit welchen Materialien sich ein Flüchtlingskind autonom beschäftigen kann, bedarf es einer gründlichen Diagnostik des individuellen Könnens.

Einen Überblick über Aylas Kenntnisse bekommen

Was kann das Kind schon? Welche Alphabetisierung bringt es mit? Welche Schnittstellen aus der vorherigen Bildung können für den Zweitspracherwerb genutzt werden?

Fragen über Fragen, die für den Weg zu einer erfolgreichen Förderung bedeutend sind. Wer schon Erfahrung in individueller Förderung und der damit verbundenen Förderplanerstellung hat, dem sind solche diagnostischen Fragen nicht fremd. Fragebögen oder aber zielgerichtete Beobachtungen können hierfür genutzt werden und „schwupp“ entsteht ein umfassender Eindruck, auf dem Ziele und Maßnahmen fußen können.
Bei Ayla war das Ganze leider nicht so leicht. Denn sie sprach zum Erhebungszeitraum kaum, deutsche Schrift lesen konnte sie auch nicht und das wenige, was wir über ihre Bildungsgeschichte in Syrien wussten, reichte für eine umfassende Diagnostik bei weitem nicht aus. Ein Dilemma, denn eine dolmetschende Person, die solche Fragen mit ihr und uns klären konnte, gab es auch nicht. Also musste ich es allein herausfinden, denn immerhin war sie ja schon in der arabischen Sprache alphabetisiert. Doch wie intensiv war diese Alphabetisierung?

Bevor ich dies prüfte, verschaffte ich mir selbst einen groben Überblick über die Struktur der arabischen Sprache. Schnell stellte ich fest, dass es sogar eine große Schnittmenge gleicher Laute gab und eine Wesentliche einfachere Grammatik als es die Zielsprache Deutsch sein wird. Darauf baute ich auf. Gleichzeitig besorgte ich mir eine Übersicht der arabischen Buchstaben mit phonetischer Entsprechung. So überprüfte ich, welche Laute sie lesen und korrekt aussprechen kann. Das klappte sehr gut. Also ging ich einen Schritt weiter. Ich besorgte ein Bilderbuch mit arabischer Schrift und ließ sie vorlesen. Natürlich verstand ich kein Wort, aber ich merkte, bei welchen Wörtern das Lesen nicht so flüssig ging. Schlussendlich konnte ich damit auch einen Gesamteindruck über ihre Ressourcen in der Muttersprache gewinnen. Der erste Schritt für die Basis der zukünftigen Förderung war damit erreicht.

Die Grenzen ihrer Möglichkeiten

Nun musste ich genau schauen, welche Schritte sie lernen kann und wo die Grenzen ihrer Möglichkeiten sind. Also schaute ich genau, welche Wörter Ayla im Deutschen schon bekannt sind. Dazu eigenen sich Materialien aus ihrem Ranzen, Bilderbücher oder Spielzeug, das ich von daheim mitbrachte. Fast vier Wochen habe ich benötigt, um immer wieder Gelegenheiten zu nutzen, auch dieses Wissen zu ermitteln. Doch dann hatte ich endlich einen Gesamteindruck und nebenbei ermittelt, welche nächsten Schritte sie machen muss.

Hierbei orientierte ich mich nun am allgemeinen Duktus, einen Förderplan zu erstellen.

  • Welche Kompetenzen sollen erreicht werden?
  • Welcher Zeitrahmen steht zur Verfügung?
  • Welche Methoden verwende ich?
  •  Was gibt mir der organisatorische Rahmen vor?
  • Welche Materialien nutze ich für meine Förderung?

Der Förderplan entsteht

Die Erstellung eines Plans, an den sich möglichst alle Mitwirkenden halten, ist zwar kein Klacks, aber vor dem Hintergrund der Fragen auch kein Zauberwerk mehr. Bei den Kompetenzen orientierte ich mich an Vorschlägen aus einem Plan eines regionalen Sprachbildungszentrums und passte es für meine Schülerin an.

Für die Bereiche Lesen, Schreiben, Sprache verstehen und Sprache anwenden habe ich mir dann kleinschrittige Ziele überlegt, die überprüfbar sind (Ziele nach SMART-Regel). Ein weiterer wichtiger Faktor meines Förderplans stellte die Methodenvielfalt dar. Immerhin ist das Lernen an sich schon anstrengend genug, abwechslungsreiche Methoden mit spielerischem Charakter entspannen das Ganze erheblich. Natürlich ist es bei der integrativen Beschulung in der Lerngruppe nicht möglich, immer ein Spiel aus dem Hut zu ziehen, das Aylas angestrebten Kompetenzen des Förderplans entspricht – oder aber denen der Regelklasse. Doch ab und zu lässt sich so etwas schon vereinbaren: Silbenspiele z.B. eignen sich auch für etwas schwächere Kinder, die dann in Partner- und Gruppenarbeit mit Ayla als kompetente Partner zur Verfügung stehen und selbst von solch einer Lehr-Lernsituation profitieren. Nebenbei bemerkt fühlten sich meine „Hilfslehrer“ richtig gut mit ihrer Aufgabe und sorgten auch dafür, dass Ayla mit jedem Tag ein wenig mehr in die Lerngruppe hineinwuchs.

Im ersten Moment sieht der Plan vielleicht etwas voll aus, allerdings kann damit bei der anschließenden Auswertung auch genau festgestellt werden, welche Ziele erreicht wurden und wo ein nächster Förderplan ansetzen kann. Hat also alles seine Vor- und Nachteile …
Konkret sieht das Ganze dann so aus:

Förderplan für ein Flüchtlingskind in der dritten Klasse.

Ein Blick in den Förderplan von Ayla (Förderplan: Nova)

Lernen mit dem Förderplan

Der Zweitspracherwerb bezieht sich nicht nur auf das Fach Deutsch, denn auch in den anderen Fächern ist Sprache die Schlüsselkompetenz. Demzufolge orientierten sich auch Kolleginnen bei der Erstellung gesonderter Unterrichtsmaterialien an den Kompetenzen, die im Förderplan verankert wurden. Nach etwa zwei Wochen zeigten sich damit auch in anderen Unterrichtsfächern – und außerhalb meiner Einzelförderung – erste nennenswerte Erfolge. Start geglückt!

Zufall oder gute Planung? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Aylas Geschichte noch nicht vorbei ist. Welche Fortschritte sie macht und wie diese auch im Regelunterricht eingebaut werden können, wird der nächste Beitrag zeigen.

Wer sich mit der Thematik "Förderpläne" intensiver auseinandersetzten möchte, dem möchten wir dieses neue Heft ans Herz legen:


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