Das Fordern nicht aus dem Blick verlieren, wenn das Fördern im Vordergrund steht

Lässt uns der Tag der Einschulung nur vermuten, was uns in den nächsten Wochen erwartet oder bringt er schon zu Beginn Licht ins Ungewisse?

22 Kinder sehen gespannt auf den, der da vorne steht, den Schulleiter, derjenige, der die Kinder am ersten Schultag begrüßt und namentlich aufruft. Es ist die letzte Klasse, die anderen sind schon mit ihren Klassenlehrerinnen und -lehrern in den Klassenräumen. Einige Male muss der Schulleiter Namen wiederholt aufrufen. Manche Kinder fühlen sich nicht angesprochen, werden die Namen augenscheinlich anders ausgesprochen. Samira ist an der Reihe. Schüchtern geht sie auf die Bühne, ihren zu großen Schulranzen für den zarten Rücken tragend, mit letztem fragenden Blick zu ihren Eltern. Samira ist ein sehr kleines, blasses Mädchen mit russischem Migrationshintergrund. In ihrem Blick sehe ich eine Erwartung auf das, was kommt, schenke ihr aber zunächst keine gesonderte Bedeutung. Schließlich ist die Einschulung für jedes Schulkind ein großer Tag.

Kinder, die nicht auffallen…

In den ersten Schultagen wird schnell klar, wer ganz besondere Förderung braucht. Kinder, die Deutsch nur als Zweitsprache lernen, dazu aus einer anderen Kultur kommen und Anpassungsschwierigkeiten an das deutsche Schulsystem haben. Daneben sind die Kinder, die durch ihr selbstbewusstes Auftreten und rege mündliche Mitarbeit im Unterricht zunächst vermuten lassen, dass sie den Unterrichtsstoff schnell aufnehmen und verstehen, was sich in vielen Fällen auch bestätigt. Beiden Schülergruppen fallen in der Regel sehr viel Aufmerksamkeit zu, weil sie diese oft allein schon durch ihr Verhalten herausfordern. Aber es gibt in jeder Klasse auch ein Kind wie Samira, das erst auf den zweiten Blick auffällt.

In jeder Klasse gibt es auch stille Kinder, die sich unauffällig im Hintergrund halten. (Foto: pixabay)

In den ersten Tagen nach Schulbeginn erarbeiten wir die Klassenregeln, lernen uns besser kennen, die Kinder erzählen, was sie schon können und sind zu Recht stolz über ihr Wissen, schließlich sind sie jetzt Schulkinder. Samira hält sich sehr im Hintergrund. Ihre Stimme ist leise, sie spricht nicht ohne sich zu melden in die Klasse rein, meldet sich aber nur sehr selten. Erst nach und nach sehe ich sie mit anderen Kindern ins Gespräch kommen, in Pausensituationen, nie im Unterricht. Allmählich lernen wir die ersten Zahlen, zählen vor- und rückwärts, schreiben die Zahlen auf und erkennen Zahlenbilder auf den ersten Blick. Auch jetzt meldet sich Samira fast nie, guckt aber immer aufmerksam nach vorne. Da Samira weiterhin sehr ruhig und angepasst ist, schenke ich ihr weniger Beachtung als den Kinder, die laut sind oder oft Fragen haben.

…nicht aus dem Blick verlieren

Schriftliche Aufgaben löst Samira stets selbstständig. Nie fehlen Hausaufgaben. Aber auch im Unterricht schreibt sie alle Zahlen formklar, sieht Mengen und kann sie ohne abzuzählen benennen. Ich lobe sie oft, zunächst still, schließlich auch vor der ganzen Klasse. Sie  wird mutiger, meldet sich jetzt hin und wieder und nach den Herbstferien erkenne ich, und erkennen auch die Mitschüler, dass Samira immer die Antworten auf alle im Lernbereich der ersten Klasse mathematischen Fragen hat und darüber hinaus diese auch sehr verständlich ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erklären kann. Erst jetzt wird mir klar, dass Samira Aufgaben mit größerem Schwierigkeitsgrad ohne Probleme lösen kann. Sie hat diese nicht eingefordert, nicht durch ein auffälliges Verhalten, was in der Regel vermuten lassen kann, dass Kinder über- oder unterfordert sind.

Inzwischen hat Samira eine zusätzliche Mappe mit Fordermaterial, das sie frei auswählen kann.

Mir zeigt es, dass ich meinen Blick wieder auf die Kinder fokussieren muss, die die Aufmerksamkeit auf den ersten Blick nicht benötigen, damit gerade die stillen leistungsstarken Kinder nicht verloren gehen und gefordert werden.

Wie kann der individualisierte Unterricht gelingen? Antworten dazu findet ihr in diesem Themenheft:


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