Wenn Kinder viele Aufgaben brauchen

Es vergeht kein Tag, an dem Karl nicht schon viele Minuten vor Schulbeginn am Schultor steht, um bloß der erste sein zu können, der die Schule betritt, wenn es zum Einlass klingelt. Solche Kinder gibt es an jeder Schule. Aber nicht an jeder Schule gibt es ein Kind in der zweiten Klasse, das jeden Morgen damit beginnt zu fragen „Frau Müller, weißt du was?“.

Anfangs nahm ich mir noch Zeit und hörte interessiert zu, mit der Zeit wurde es immer schwieriger, Karl verständlich zu machen, dass nicht an jedem Morgen Gelegenheit ist, zuzuhören. Im Unterricht geht es weiter. Karl weiß jede Antwort, bevor ich die Frage stelle. Lehrkräfte und Mitschüler sind oft verärgert. Gespräche mit seiner Mutter ergeben, dass Karl zu Hause genauso präsent ist, und zwar in allen Bereichen. Karl kann es nicht aushalten, nur wenige Minuten nicht beachtet zu werden und keinen unmittelbaren Zuspruch für seine Leistungen zu bekommen. Karl verlangt in jeder Situation nach einer Einzelförderung.

Mir wurde das erst in den letzten Wochen bewusst. Auf den ersten Blick arbeitet Karl zwar schnell, aber oft flüchtig. Es ist ihm wichtig, stets der Schnellste und Beste zu sein. Der Schnellste ist Karl meist, der, der die wenigsten Fehler hat, dagegen nicht.

Förderung mit den passenden Aufgaben

Seit einigen Tagen bekommt Karl von mir Extraaufgaben. Es begann damit, dass Karls Handschrift oft kaum zu lesen war. Die Bemerkung auf dem Zeugnis, Karl müsse sich bemühen, sorgfältiger zu schreiben, hat ihn derart motiviert, dass er ab sofort wie gedruckt schreibt. Wenn er will. Sobald sich Karl sicher ist, ein Lob für seine Schrift zu bekommen, schreibt er sehr sauber. Er bittet mich, ihm Fehler zu zeigen, sie aber nicht zu korrigieren, so dass er sie selbst ausbessern kann.

Schlauer Junge, der im Unterricht eine individuelle Förderung erhalten sollte.

Kinder, die im Unterricht permanent im Mittelpunkt stehen wollen, benötigen eine individuelle Förderung mit passenden Aufgaben (Foto: fotolia.com, New York: Robert Kneschke)

Mit Schönschrift und korrigierten Fehlern ist die Förderung aber nicht getan. Da Karl stets alle Extraaufgaben im schnellen Tempo bearbeitet, seinen Mitschülern nicht immer eine Hilfe ist, weil er es nur schlecht aushalten kann, wenn andere die Antwort nicht sofort wissen, braucht er andere Aufgaben. Alle Lehrwerke sind inzwischen auf Differenzierung angelegt, so dass Karl stets die Aufgaben mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad bearbeiten kann, aber das reicht nicht immer. Um Karls Sonderposition, die ihn bei Mitschülern nicht immer beliebt macht, nicht noch zu unterstreichen, versuche ich oft spontan, seine Ideen aufzugreifen und sofort umzusetzen, so dass sie für die anderen Kinder interessant sind.

Zum Thema „Meeressäugetiere“ brachte Karl kürzlich eine Informationsbroschüre mit und fragte mich, ob wir das Thema im Sachunterricht bearbeiten können. Warum nicht? Karl wusste schon Vieles dazu zu berichten, er konnte sein Wissen einbringen und die Mitschüler ließen sich auch in ihren Bann ziehen.

Ich beginne inzwischen jede Unterrichtsvorbereitung damit, mir zu überlegen, wie ich die individuelle Förderung Karls als auch die Förderung im Klassenverband gestalten kann.

2 Gedanken zu „Wenn Kinder viele Aufgaben brauchen

  1. AvatarChimgee

    Hallo, es war sehr interessant, hier alles zu lesen. Gerade die Differenzierung!
    Mein Sohn ist ein sehr neugieriger manchmal auch ungeduldiger Drittklässler. Er hat sehr breites Allgemeinwissen und er saugt die ganze Informationen, die er interessant findet, sozusagen automatisch auf. Er ist in allen Bereichen fit und waren wir bis jetzt immer zufrieden. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit dem Klassenlehrer. Er sagte, dass sich mein Sohn sehr rücksichtslos verhält, weil er alles gleich versteht und keine weiteren Wiederholung will und weiter fortfahren will. Ich bin völlig einverstanden, dass er doch auf die anderen Rücksicht nehmen muss und nicht jeder gleiche Tempo hat, wie er. Dann habe ich den Herr. Lehrer gefragt, ob es auch andere Möglichkeiten gebe, ihn zu fördern, wenn er alles versteht und die Aufgaben schon gemacht hat. z:B: Zusätzliche Blätter ähnliches. Weil die Situation in der ersten zwei Schuljahren auch nicht anders war, hat damalige Lehrerin ihm immer wieder Zusatzaufgaben gegeben. Und er war zufrieden, weil er nicht auf die anderen warten muss und auch beschäftigt war. Zu meiner großen Enttäuschung hat der Lehrer geantwortet, dass es ihm zusätzliche Arbeit bedeuten wird. Das wird er nicht tun und es sind einige schwächere Kinder, die seine Hilfe brauchen. Seine Lösung, dass ich ihn außerhalb Schule viel beschäftige. Und unsere Schule sei eine staatliche Schule, es gibt keine einzelne Förderung! Echt Schade! Wir haben Sport und Musik Unterrichten, noch dazu wissenschaftliche Begleitkurse von Hektorakademie außerhalb Schulzeiten . Das ist schon ziemlich viel, was er macht. Und ein Nachmittag lasse ich immer frei, damit er mit Freunden verabreden kann und spielen.

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    1. AvatarChristine

      Sehr schade, dass der Lehrer so geantwortet hat. Liest ihr Sohn gerne? Ich habe einem Schüler bei mir mal erlaubt, zu lesen, wenn er schon fertig war. Auch gibt es Forderhefte, die er evt dann bearbeiten könnte. Auch steht in meiner Klasse eine Dose mit möglichen Aufgaben querbeet durch alle Fächer. Evt könnte sich der Lehrer auf Lesen oder ein Forderheft einlassen?

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