Normale Zeiten sehen anders aus!

Es ist Montagmorgen. Normalerweise gehe ich sehr gerne zur Schule. Ich freue mich auf die Kinder und auf das Unterrichten. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Schon auf dem Schulhof begrüßen mich die ersten Kinder, die auf ihrem jeweils zugeteilten Bereich klassenweise warten, bis sie abgeholt werden.

An unserer Schule müssen weder die Schülerinnen und Schüler, noch die Lehrer (Ausnahme Lehrerzimmer) einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Ungeschützt passiere ich die wartenden Kinder und gehe in den Lehrerzimmer, wo ich noch ein paar Sachen zu erledigen habe.
In der ersten Stunde bin ich für das „Morgenband“ eingeteilt. Hier sind die Kinder, die in der ersten Stunde keinen Unterricht haben und für die Ganztagesschule angemeldet sind. Ich bin für ca. 20 Kinder der dritten und vierten Klasse verantwortlich. Die Schülerinnen und Schüler der beiden dritten Klassen sind in einem Klassenzimmer untergebracht. Im Klassenzimmer nebenan, das durch eine Tür mit dem anderen Klassenzimmer verbunden ist, sind die beiden vierten Klassen. So wechsle ich zwischen diesen beiden Klassenzimmern hin und her. Die Kinder – aus vier verschiedenen Klassen – sollen sinnvoll beschäftigt werden. Freispiel ist somit nicht möglich. Allerdings hält sich die Begeisterungsfähigkeit bei den meisten Schülerinnen und Schülern am frühen Montagmorgen in Grenzen. Für mich bedeutet das zusätzlichen Stress.

In der nächsten Stunde wechsle ich in meine eigene (dritte) Klasse. Fünf Schüler sind krank bzw. vorsichtshalber daheim. Nach ein paar organisatorischen Dingen können wir mit dem Unterricht beginnen. Leider haben drei Schüler die Hausaufgabe vergessen. Wir beginnen mit der Hausaufgaben-Kontrolle, was erfahrungsgemäß einige Zeit erfordert. Woran dies liegt, ist schwer zu sagen. An der langen Homeschooling-Zeit, in der die Kinder viele Dinge vergessen bzw. verlernt haben (z. B. sich zu konzentrieren) und/oder an den Sommerferien und/oder an der Tatsache, dass in der Zeit der Schulschließung einige Themen nur kurz behandelt worden sind. Nachdem ich den Schulstoff der 2. Klasse vier Wochen lang wiederholt habe, müsste ich jetzt eigentlich mit dem Lernstoff der Klasse 3 beginnen. Ein schwieriger Spagat, vor allem auch, wenn wie bei mir noch Kinder in der Klasse sind, die eine Rechenschwäche haben.

Nach dieser Stunde ist die erste große Pause. Ich habe Aufsicht und laufe zwischen den verschiedenen Klassen hin und her. Jeder Klassenstufe wird ein Bereich des Schulhofes zugeteilt. Montags sind die Erstklässler auf dem ersten Hofbereich. Am nächsten Tag sind sie auf dem zweiten Pausenhofbereich…

Auf einem Pausenplan wird festgehalten, welche Klassenstufe in der Pause auf welchen Pausenhofbereich gehen darf. (Foto: Ralph)

Wieder ungeschützt laufe ich zwischen den Kindern hindurch. Natürlich versuche ich Abstand einzuhalten, aber nicht immer gelingt das. Einige Kinder kommen mir immer wieder sehr nahe. Hinzu kommt, dass ich darauf achten muss, dass keine Eltern ohne Termin und Maske den Schulhof betreten.

Über Pfeile werden die Laufwege angezeigt, an die sich die Schülerinnen und Schüler halten müssen. (Foto: Ralph)

Damit sich die Kinder der verschiedenen Klassenstufen möglichst nicht zu nahe kommen, werden auch die Notausgänge benutzt. (Foto: Ralph)

Nach der Pause habe ich Englischunterricht in einer vierten Klasse. Diese Klasse hatte ich bereits im letzten Schuljahr. Mit Erschrecken muss ich auch hier feststellen, wie viel die Kinder seit unserem letzten Unterricht im Frühjahr vergessen haben. Obwohl dies von mir eigentlich nicht geplant war, wiederhole ich einen großen Teil des Lernstoffes der letzten Lektion. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Schüler der Klasse nicht am Präsenzunterricht teilnimmt. Infolgedessen muss ich alles, was wir im Englischunterricht machen, zusammenfassen bzw. die Arbeitsblätter in eine Sammelmappe ablegen.

In der vierten Stunde habe ich wieder Englisch. Aber dieses Mal in der Parallelklasse. Auch hier fehlen einige Kinder, was das Arbeiten nicht einfacher macht, weil ich darauf achten muss, dass die Schülerinnen und Schüler auch alle Vokabel nachholen.

Danach habe ich wieder große Pause. Erst einmal hinsetzen und mit den Kolleginnen und Kollegen ein paar Worte wechseln. Kurz vor dem Ende der Pause erreicht mich eine Nachricht von meiner Elternvertreterin: „…diverse Eltern lassen anfragen, ob unsere Kinder auch das Rechengeld bekommen wie die Parallelklasse. Wäre es möglich, dass Sie das morgen austeilen? Herzlichen Dank.“ Eigentlich hatte ich dies nicht vorgesehen, da ich das Thema „Geld“ nur ganz kurz streifen bzw. wiederholen wollte. Deshalb suche ich noch ganz schnell das Spielgeld, das wir als Werbegeschenk von einer Bank erhalten haben. Beim Hinausgehen erfahre ich, dass es in der Grundschule an unserem Nachbarort einen positiven Corona-Fall gibt. Dermaßen „motiviert“ gehe ich, ohne Maske oder sonstigen Schutz, wieder in meine eigene Klasse.

Obwohl alle Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie sich zu Schulbeginn und nach der Pause gründlich die Hände waschen müssen, wird es immer wieder vergessen. Vielleicht sind es aber auch einige Kinder schon leid!? Immer wieder muss ich darauf hinweisen. Außerdem müssen wir das Klassenzimmer regelmäßig lüften. Aber jedes Mal, wenn ich die Fenster zum Lüften geöffnet habe, melden sich innerhalb kürzester Zeit mehrere Kinder, dass es ihnen zu kalt ist. Das glaube ich ihnen, aber was soll ich machen? Und jetzt ist es ja erst Herbst. Wie soll das im Winter werden?

In dieser Stunde steht das Fach Sachunterricht auf dem Stundenplan. Nachdem wir uns zu Beginn des Schuljahres mit dem Thema „Klassenregeln“ beschäftigt haben, behandeln wir nun das Thema „Getreide“. Bei der Gruppenarbeit fällt mir auf, dass die Zusammenarbeit in einigen Gruppen nicht problemlos klappt. Andere Schülerinnen und Schüler haben Konzentrationsprobleme und nützen die Gruppenarbeit um herumzulaufen und nach den anderen Gruppen zu schauen. Dies lasse ich natürlich nicht durchgehen.

Während die Kinder arbeiten, nütze ich die Zeit auf andere Weise. Auf einem vorgefertigten Formular notiere ich, was wir an diesem Tag in der Schule gemacht haben bzw. was die Hausaufgabe ist. Das Formular ist für die fünf Schülerinnen und Schüler bestimmt, die an diesem Tag krank sind. Nachdem die Gruppenarbeit beendet ist, präsentieren die Gruppen ihre Ergebnisse vor der Klasse. Danach bleibt nur noch kurz Zeit, die Hausaufgaben abzuschreiben. Was für ein Stress!

In der sechsten Stunde habe ich Mathe-Förderkurs. Glücklicherweise habe ich Zeit, mich hier um die mathematischen Defizite von ein paar Schülerinnen und Schülern zu kümmern. Zum wiederholten Mal muss ich an diesem Tag feststellen, wie groß die Lücken bei ein paar Kindern sind. Beispielsweise haben immer noch einige Schüler Probleme beim Einmaleins. Leider habe ich auch im Rahmen des Förderkurses nicht die Zeit, um mich im erforderlichen Maße um das Kind mit Rechenschwäche zu kümmern. Auch wenn die Stunde viel zu schnell vorbei ist, bin ich froh, dass wir an unserer Schule Förderstunden haben.

Nach sechs Schulstunden bin ich froh, dass ich keinen Nachmittagsunterricht habe. In der Hoffnung, dass ich mich nicht angesteckt habe, fahre ich erschöpft nach Hause. Beim Mittagessen erzählt mir mein jüngerer Sohn, dass ein Mitschüler von ihm auf einer Party war, auf der auch ein „Corona-Positiver“ war…

Und morgen geht es weiter. Besonders schwierig ist der ständige Spagat zwischen fehlenden Kindern, lückenhaft behandelten Themen (im Homeschooling), dem aktuellen Bildungsplan, der Gefahr sich anzustecken und einer möglicherweise drohenden Schulschließung. Normale Zeiten sehen anders aus! Und trotzdem müssen wir noch zufrieden sein. Schlimmer geht es immer noch. Das zeigen genügend Beispiele aus dem In- und Ausland.

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Wie fordert die Pandemie die Schulen heraus? Und wie verändert sich die Bildung dadurch? Diesen und weiteren Fragen geht die GRUNDSCHULE in dieser Ausgabe auf den Grund:


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